Erzählungen / Kurzgeschichten (2)

1 Name: Anonymous : 2020-05-23 20:31 [Del]

IdF schreibt und kommentiert Ernst längere geistige Ergüsse, wobei es gleich ist ob real oder nur erdacht und erstunken.

2 Name: Anonymous : 2020-05-23 22:37 [Del]

Es hatte geregnet. Autos huschten mit einem Zischen über die regennasse Fahrbahn, während hinter mir die Tür ins Schloss fiel. Ich hielt es nicht länger aus in den eigenen vier Wänden und ich war froh, nun an der frischen Luft zu sein. Der Weg vor mir war kein weiter und ich war eher fahrig gekleidet, aber ich erwartete ohnehin niemanden unterwegs zu treffen. Eher noch wollte ich jedes Treffen vermeiden, was nicht leicht ist in einer Großstadt, und es sollte niemand sehen, welche sonderbaren Dinge ich unternehme.

Ich querte die Straße und schaute mich um. Auf den Gehwegen keine Menschenseele, einzig die Autos titscherten auf den Straßen durch die Pfützen. Die örtliche Leihbücherei an der nächsten Straßenkreuzung überraschte mich damit, dass sie hell erleuchtet war, obwohl wegen der Pandemie-Eindämmungsmaßnahmen in den letzten Wochen alle öffentlichen Gebäude dauerhaft geschlossen waren. Dem Anblick der gähnend leeren Lesesäle, der verwaisten Tische und Stühle nach hätte es auch vor zwei Minuten evakuiert sein können, aber auch auf dem Hof davor stand niemand. Das bedrückte mich allerdings nicht weiter, denn ich wollte ja gerade allein sein.

Das Ziel für meinen Ausflug aber war der Park, der sich gleich dahinter befand. Er war erst vor kurzem angelegt worden und hatte eine nahezu teppichhafte saftig grüne Wiese, es wirkte fast wie der Rollrasen aus einem Fußballstadion. Frevelhafterweise hatte man sich auch entschieden, den Park mit asphaltierten Strecken zu durchziehen, was seine Unnatürlichkeit nur weiter unterstrich. Auch hier war niemand zu sehen. Es wachten alleine die Laternen an den Wegesrändern, die den Park recht gut ausleuchteten.

Ich ging geradewegs auf eine bestimmte Stelle im Park. Meine Stelle; ein kleiner Birkenhain, eine Insel zwischen drei Wegen, die gerade so groß war, dass das Licht der Laternen durch die Birken kaum hindurchdrang. Auch war man wegen der hellen Laternen von außen so gut wie gar nicht zu sehen. Ich legte mich auf die Wiese; sie war im Vergleich zum Restpark auch ein wenig natürlicher, weil für die Rasenmäher der Parkpfleger schwierig zu erreichen. Ich schaute durch die sich leise im Wind biegenden Wipfel in den Himmel und lauschte dem Wind. Ich atmete aus, als ob ich es heute zum ersten Mal getan hatte.

Es war Gina. Sie hatte mich heute zum ersten Mal in zwei Jahren angerufen. Im Gespräch ging es um den üblichen Schabernack. Sie fragte, wie es mir ging und ob ich gesund sei. Vermutlich war sie auch ernst, als sie mir ihre Zukunftsängste anvertraute und für einen Moment schien es mir so, als wären wir wieder beieinander. Ihre Ängste waren natürlich ausgemachter Unsinn und ich fragte mich insgeheim, wie man darauf kam. Andererseits war es gerae dieses mädchenhafte Schutzbedürftige, dachte ich mir, dass mich damals zu ihr zog. Jedenfalls machte ich ihr klar, dass das alles nur Unsinn ist, dann plauderten wir noch über zwei, drei Belanglosigkeiten, verabschiedeten uns und legten auf. Das Thema war durch, möchte man meinen.

Doch mich ließ das Thema nicht los. Einen längeren Aufsatz, den ich heute schreiben wollte, konnte ich ihretwegen nicht beenden. Was hat sie gewollt? Ich wurde den Gedanken nicht los, dass der aktuelle Anlass nur über den eigentlichen Grund ihres Anrufs täuschen sollte. Gina war ein sehr liebenswürdiger, aber auch sehr eigener Mensch. Sie hatte stets eine Schwäche, Dinge einfach geradeheraus anzusprechen. Ihr einziger Zugang war ihre Körpersprache, die ich jedoch sehr gut verstand. Das war der Grundstein für unsere starke Bindung aneinander, die letztlich wieder an einer anderen Eigenheit Ginas zerbrach: Ihre Eifersucht.

Sie schaute zu mir herauf, das war klar. Sie konnte sich offenbar nicht vorstellen, dass ich neben ihr nicht doch noch weitere Affären laufen habe und das zerfraß sie innerlich. Beinahe monatlich äußerte sich dies in starken Gefühlsausbrüchen, die ich mit viel Geduld und Versöhnungssex behandelte, denn in Wahrheit hatte ich auch nur sie und niemand anderen. Eines Tages war es jedoch besonders schlimm, wir gingen getrennte Wege und sie war fortan nicht mehr für mich zu erreichen. Bis heute.

Ich war sehr zurückhaltend. So viele Fragen wollten gestellt werden. Im Nachhinein war ich sehr verwundert über meine Geduld, aber vermutlich wollte ich bei diesem ersten Gespräch nicht gleich einen Grund zur Eskalation und zum Auflegen liefern. Ich war einfach froh, ihre Stimme wieder zu hören. Ich hätte ihr auch beichten können, dass ich es nach ihr mit drei weiteren Frauen versuchte, wo jedoch nie die Chemie passte. Ich war weit ab, von dem Aufreißer, der ich ihrer Meinung nach sein sollte. Wie kann sie bloß so vehement abbrechen? Wie so konsequent? Hat sie jemand anderen gefunden? Waren da nicht Kinder im Hintergrund zu hören?

Ich drehte mich auf die Seite. In der Ferne sprang unvermittelt ein Licht an, vermutlich durch einen Bewegungsmelder von einer Katze ausgelöst. Im Gegenlicht glänzten die Tautropfen auf den Spitzen der Grashalme. Sie sahen aus wie Liliputaner, die sich mit ihren Laternen um mich, ihren Menschenberg, scharen. Ich fühlte mich wie Gulliver: Riesengroß und doch allein.

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